Bericht von einem EM-Neuling
 
Was mir alles über den Neusiedlersee erzählt wurde! Vom starken Wind und dem niedrigen Wasser. Von Seglern, die ihr Boot nebenherlaufend zum Hafen zurückbrachten. Von Schwärmen böswilliger Stechmücken. Und nicht zuletzt von den legendären Portionen der österreicherischen Menus. Dazu gab man mir Euro-Unerfahrenem auch noch ein Packen Ratschläge fürs Starten in einem grossen Feld mit. Von einem unbeschwerten Reislein konnte also nicht die Rede sein.
Bei Gluthitze kommen wir endlich am Steppensee an. Das flache Land, der merkwürdig aussehende See, aber vorallem das Kima erinnern mich irgendwie an Afrika. Leider habe ich vom Tag zuvor noch das Türkisblau des Attersees im Kopf...
Vorne am See präsentiert sich das nigelnagelneue Bundesleistungszentrum für Segeln.
Seit 2 Östereicher auf dem Tornado die Olympia-Goldmedaille geholt haben, hat die Politik für die Anliegen des ÖSV ein Ohr gefunden. Wir Piraten sind anscheinend die Ersten, die hier eine Meisterschaft durchführen dürfen. Schon beim Anmelden und Vermessen wusste man, dass dies eine gut organisierte EM werden würde. Ein paar Millimeter meines Spibaums beiben liegen, dafür fällt mein schönes Kupferunterwasserschiff ins Gewicht. Die legendären Tage des “Riot” als Leichtgewicht sind vorbei.

Am Dienstag dann Begeisterung bei einigen Deutschen: 5-6 Beaufort aus Nordwest. Ein paar Boote wassern. Nur ganz wenige gehen an den Start der Trainingsregatta. Wir reiten etwas auf den eigenartig kurzen Wellen herum und schauen, dass wir mit dem Schwert nicht zu fest am Grund kratzen. Hoffentlich blästs nicht die ganze Woche so fest, denken wir. Bei Anstehen zum Bierholen (mindestens die ersten 2 Tage wegen Überhitzung der Anlage eine leidige Sache) gibt sich einer davon überzeugt, das einzige Mal diese Woche ins Gleiten gekommen zu sein. Zumindest beim letzten Raumkurs der 5. Wettfahrt könnte dies dann nochmals gelungen sein. Aber alles der Reihe nach.

Nach einem riesigen Eröffnungsbuffet und ein paar Freibieren bringt uns der 1. Wettfahrttag einen Lauf bei wenig Wind. Maire/Grandjean auf SUI 518 gehen ca. als 4. um die Leeboje und lassen vermuten, was sich nachher bestätigen wird. Mit mehreren Platzierungen in den ersten 30 und einem grandiosen 7. landen sie auf dem für Schweizerverhältnisse sehr guten 19. Schlussrang. Ja, die Windverhältnisse waren vergleichbar mit dem Pfäffikersee oder dem Bodensee im Hochsommer.
Alle Widrigkeiten von grossen Feldern bekommen wir gleich mal zu spüren. Das nicht Fortkommen beim Start, hoffnungslose Positionen an der Leeboje, sich nicht mal mehr für eine Seite der Bahn entscheiden können: Wir schaffen es grad noch vor dem Timelimit ins Ziel.
Dann wird der See seinem windsicheren Ruf definitiv nicht mehr gerecht. Fast 2 Tage wird immerwieder gestartet und nach ein paar Massenfrühstarts hängt die Black Flag. Als die 2. Regatta als Minikurs am Freitag Abend endlich gesegelt werden kann, fehlen mittlerweile mindestens 20 Boote. Leider gehören auch wir dazu. Mit den anderen Sündern verfolgen wir von der Terrasse via Jörg Breckwoldts Blick durchs Fernglas und seinen Kommentaren den Start.
Sozusagen in letzter Minute kommt dann doch noch alles gut. Am Samstag segeln wir bei auffrischendem Nordwestwind 3 Regatten. Natürlich starten wir nun noch ängstlicher und dementsprechend schlecht. Mit einigermassen gelungener Taktik auf der Kreuz, können wir wieder ein paar Plätze gutmachen und mögen nun auch speedmässig mithalten - zumindest in unserem Umfeld. Bei den heimischen 15-Boot-Regatten ist die Ausgangslage schon eine ganz andere. Irgendwie verkleinert sich aber ein so grossses Feld etwa bei der 2. Kreuz wieder und man segelt gegen die gleichen 15-20 Boote - als wärs eine CH-Cupregatta.

Ob der Schlenker zum Herausfischen des Caps jenes grauhaarigen Steuermanns, dem er 2 Minuten vor dem Start zur vorletzten Regatta weggewindet worden war, wirklich nötig war, frage ich mich erst, als eben dieser zum Europameister gekürt wird und gleich mehrere Mützen für Laufsiege einheimst. Und lustigerweise hatte ich auch schon den Europameister-Vorschoter kennengelernt: als solider Libero beim Flautenüberbrück-Tschutten. Dort konnten übrigens auch die Türken mal so richtig brillieren.
Bleibt zu sagen, dass Walter Schaschl und sein Team mit ihrer Organisation brillierten und er es sogar fertigbrachte mit Andreas Gilhofer die beste Österreichische Mannschaft zu stellen. Aber erst nach 17 Booten aus Deutschland...

Adrian Elsener SUI 495